|
|
|
"Näher mein Gott zu Dir, Näher zu Dir! Drückt mich auch Kummer hier, Drohet man mir, Soll doch trotz Kreuz und Pein, Dies meine Losung sein: Näher mein Gott zu Dir, Näher zu Dir!" Wir
schreiben den 11. Mai 1946. Über dem Bahnhof von Ödenburg, einer kleinen
ungarischen Stadt an der Grenze zu Österreich, bricht die Nacht herein. Die
Situation ist irreal, fast schon gespenstisch. Mehr als tausend Menschen, von
der Urgroßmutter bis zum neugeborenen Säugling, warten auf ihren Abtransport
am nächsten Tag. Man hat sie soeben ihrer Heimat beraubt. Die wenigen
zugestandenen Habseligkeiten sind bereits in den Güterwaggons, die auch die
Menschen aufnehmen werden, verstaut. Starke Polizeieinheiten bewachen die hilfs-
und wehrlosen Vertriebenen wie Schwerverbrecher. Deren einzige Schuld ist,
deutscher Abstammung zu sein. Deutschland hat einen Krieg verloren, den sie
nicht gewollt haben. Niemand weiß, wohin die Reise gehen und was die Zukunft
bringen wird. Was wird mit den respektvoll gepflegten Gräbern der Eltern und
Großeltern? Den mühevoll gehegten Häusern, den Höfen, dem Vieh, den
Weingärten? Wo und von was künftig leben? Die Leute sind fassungslos und
verzweifelt - sie verstehen langsam, dass man ihnen den Boden unter den
Füssen weggerissen hat, sie ihre Lebensgrundlage verloren haben. Es gilt
Abschied zu nehmen, wahrscheinlich für immer. Vereinzelt wird gar die
Befürchtung laut, man lande jetzt dort, wo die Deutschen die Juden
hingebracht hatten. Irgend jemand stimmt in der Abenddämmerung das
Kirchenlied an, das keiner der Anwesenden für den Rest seines Lebens
vergessen wird ... Es war
der Wunsch meiner Tante Susanna Klaus, geb. Pieler (man hatte ihr im Waggon
Nr. 2 aus Wolfs die lfd. Nr. 3 zugeteilt), dass dieses Lied zu ihrer
Beerdigung gesungen wird. Es erklang am 14. Mai 2010 in der Kirche zu
Leidenhofen. |
|
Zu den
Fakten: Die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn wird meist als eine Konsequenz
der Potsdamer Beschlüsse dargestellt, mit denen eine Rückführung aller
Deutschen auf das nach dem 2. Weltkrieg verbliebene Kernland angeordnet
wurde. Bei den Ungarndeutschen ist das Ergebnis zwar das gleiche, es gibt
jedoch einen Unterschied, wie es hierzu gekommen ist. Es hatte sich nämlich
bereits vor der entscheidenden Sitzung der AKK (Alliierte
Kontroll-Kommission) die von der Sowjetunion gegängelte neue ungarische
Regierung mit der Bitte an die AKK gewandt, ca. 200.000 Ungarndeutsche
möglichst weit weg verschicken zu dürfen. Dieser Antrag war zunächst abgelehnt
worden, weil diese Maßnahme als eine unangemessene Bestrafung Unschuldiger
angesehen wurde. Die AKK forderte Nachbesserungen bezüglich der Modalitäten
und stimmte erst dann zu. Bei der Ausweisung beschränkte sich die Rolle der
AKK darauf, für eine ordnungsgemäße und humane Durchführung zu sorgen - wer
jedoch warum ausgewiesen wurde, oblag allein der ungarischen Regierung.
Versuche der ungarischen weltlichen und kirchlichen Elite, die
Ausweisungsanordnung abzumildern und in größerem Umfang Ausnahmen zuzulassen,
hatten keinen oder nur sehr begrenzten Erfolg. Ich empfehle hierzu das Buch
von András Krisch: "Die Vertreibung der Deutschen aus Ödenburg
1946", das im Jahre 2007 erschienen ist und im Anhang eine Liste der aus
der Kernstadt Ödenburg vertriebenen Deutschen enthält. Egal nun, ob dafür die AKK
verantwortlich war oder nur zustimmte: Es wurden in allen Orten des
"Ödenburger Zipfels" Vertreibungslisten erstellt - der Abtransport
der Deutschen erfolgte mit mehreren Zügen mit jeweils ca. 50 Waggons. Einer diese Züge verließ Ödenburg am 12. Mai 1946. Er bestand aus 48
Waggons:
- 23 aus Harkau (komplette Waggonliste)
- 10 aus Wolfs (Nr. 1 - 10 von insgesamt 41)
- 15 aus Ödenburg (Nr. 8 - 22 von insgesamt ca. 400). Der Zug hatte als ursprüngliches Ziel Kassel, kam dort am 17. Mai 1946
an und wurde bereits am nächsten Tag nach Marburg weitergeleitet. Hier wurde
der Transport aufgelöst und die Vertriebenen im Landkreis verteilt. Während
die Harkauer in der Mehrzahl im nördlichen Teil des Landkreises Marburg untergebracht
wurden (aber auch in Wittelsberg und Roßdorf), kamen die Wolfser
hauptsächlich nach Ebsdorfergrund, Kirchhain, Rauschenberg und
Stadtallendorf. Ödenburger Namen sind mir nur aus dem Südkreis (Lohra,
Rollshausen, Roth, Hachborn, Ebsdorf) und Stadtallendorf bekannt: Bauhofer, Fleischhacker, Göschl,
Ivanschitz, Karner, Moderer, Pohl, Resch, Schranz, Zehtner. Wie aus dem Buch von Andreas Schindler "HARKAU - mein
Heimatdorf" zu entnehmen ist, sollten lediglich drei Waggons aus Wolfs
an den Transport von Harkau angehängt worden sein. Diese Zahl ist
unzutreffend, denn laut Auskunft des Staatsarchivs Marburg (Akte 180 Marburg,
Nr. A 2337) waren es die Waggons Nr. 1 - 10. Unter Berücksichtigung der mir
geläufigen und im Bereich Marburg angesiedelten Namen dürfte diese Zahl
richtig sein. Von diesem Staatsarchiv wurden mir auch die Waggon-Nummern von
Harkau und Ödenburg übermittelt. Eine Einsichtnahme in die o.a. Akte des
Staatsarchivs Marburg ist aus datenschutzrechtlichen Gründen für
nichtwissenschaftliche Ahnenforscher erst ab dem Jahr 2046 möglich. Der
Haupttransport aus Wolfs (mit den Waggons 11 - 41) wurde am 15. Mai 1946 von
Ödenburg aus auf die Reise geschickt und kam am 19. Mai 1946 in Bamberg an.
Es erfolgte zunächst eine ca. 2-wöchige Internierung, bevor die 1144 Personen
dieses Transportes weiträumig im Umland verteilt wurden. Aufgrund dieser
Personenzahl (Quelle: http://www.ungarndeutsche.de/de/cms/index.php?page=mitteilung-von-dr-emil-magvas-2006-zu-der-zahl-der-vertriebenen-aus-odenburg-sopron) muss davon ausgegangen werden, dass zu dem
Transport noch ca. 10 Waggons aus anderen Gemeinden gehörten. Meine
Nachfragen bei den Archiven in Bamberg hatten zum Ergebnis, dass dort keine
entsprechenden Unterlagen bekannt sind.
Ich habe die kompletten Waggonlisten von Wolfs und Harkau abgeschrieben
und in ein recherchefähiges Format gebracht. Bezüglich der Vertriebenen aus
der Kreisstadt Ödenburg verweise ich auf die CD im Anhang des o.a. Buches von
András Krisch. Dort sind die Vertriebenen alphabetisch aufgelistet. Eine
Rekonstruierung der Waggonliste für Ödenburg scheint mir nach Einsichtnahme
in die betreffenden Unterlagen beim Stadtarchiv Sopron, die dort offensichtlich
nicht vollständig sind, nicht durchführbar - zumal über den Unterlagen im Staatsarchiv
Marburg bis zum Jahre 2046 der Datenschutz unerbitterlich wacht.
Hier geht es zu den Listen aus - Wolfs und - Harkau. |